November 25, 2004

Lesenswert (November)

Wissenschaft und Islam
Dieser sehr interessante Beitrag von Telepolis gibt einen Einblick über den Aufstieg und Zerfall der Wissenschaften in der islamischen Welt. Der Beitrag weist zurecht darauf hin, dass der Islam keinesfalls als eine Religion der Rückständigkeit und der geistigen Verengung angesehen werden könne. Für die Rückständigkeit der islamischen Staaten sind somit nach anderen Gründen zu suchen.

Die Bösen Araber
Wieder ein sehr kontroverser Beitrag von Bukowski im Feuertempel-Forum.
Bukowski räumt mit, der unter Iranern weit verbreitete Aussage auf, dass die Araber für den Untergang der iranischen Kultur verantwortlich seien.

Anm:huch...Bukowskis Beitrag scheint nicht mehr online zu sein, ich habe es am ende dieses Beitrages angehägt, einfach auf continue reading klicken

National Geographic´s arabischer Golf!
Seit einiger Zeit laufen die Email-Server sowie Telefonleitungen der National Geographic Redaktion heiß an. Der Grund: Im neuen National Geographic Atlas wird der Persische Golf, aus versehen oder mit Absicht, Arabischer Golf genannt.
National Geographic hat es zum ersten Mal seit der islamischen Revolution geschafft alle politischen Gruppierungen in der iranischen Gesellschaft zu vereinen. Die Mullahs haben den Verkauf aller National Geographic Produkte im Iran verboten; iranische Monarchisten in USA lassen mit ihren Beschwerden die National Geographic Redaktion nicht mehr zur Ruhe kommen und iranische Exil-Intellektuelle setzen Petitionen auf! Hier und Hier gibt es interessante Beiträge dazu zu lesen. Die Sache mit Persischer oder Arabischer Golf ist eine komplizierte Sache, vielleicht schreibe ich mal einen Beitrag dazu.

UPDATE: Inzwischen hat die iransiche Blog-Geimenschaft erfolgreich eine Google Bombe im Netz platziert. Hier die Suchanfrage bei Google; Auf Platz #1 steht diese Seite!

und hier mein Beitrag zu der Bombe: arabian gulf [via legofish]

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Bukowski:

Immer wieder lese ich, wie sehr die iranische Kultur vor Glanz und Gloria strotzte, wie nobel und edel die iranische Religion und die Menschen im alten Persien waren, bevor die "bösen Araber" uns aufs Grausamste überfielen und uns nach endlosem Vergewaltigen und Morden zu dem gemacht haben, was wir heute sind: Moslems.
Dabei wird oft suggestiv der Fehler gemacht, dass all unsere heutigen Probleme und all die Dekadenz, welche uns in der nachislamischen Zeit durch die Safawiden-, Qajaren- und vor allem Mullahdyastie stets begleitet hat, auf die Tatsache zurückgeführt wird, dass wir zu Moslems wurden.

Nur allzu gerne vergessen wir, dass Dekadenz, religiöser Fundametalimsus und vor allem Dogmatismus uriranische Werte sind. Man betrachte nur einmal die alten Arier, welche nur wenige Jahrhunderte nach ihrer Auswanderung nach Iran bzw. Indien bereits ein festes religiöses System zur Ausbeutung und Kontrolle der Menschen gebildet hatten. Die Rede ist hier vom Kastensystem, dass in Indien und auch im alten, prä-hakhamaneshidishen Iran herrschte (ich verzichte Bewusst auf den kuriosen Begriff "achämenidisch"). Dieses Kastensystem diente vor allem der Bevorzugung und Vormachtsstellung der Mithra-Priester und dem herrschenden Adel dem gemeinen Volk gegenüber. In Indien schafften sich dadurch die helleren Arier den Ureinwohnern gegenüber einen gesellschaftlichen Vorteil. Auch der iranische Gelehrte und Prophet Zarathustra berichtet in seinen vielen Schriften von den "heuchlerischen Priestern" die den Menschen "Grausamkeiten" zuführen. Ja eines der wichtigsten Gründe, das Zarathustra dazu Bewegte, seine Lehre zu verbreiten und das Gesellschaftssystem des Irans zu reformieren war diese jahrelang herrschende Unterdrückungspolitik der Mithra-Priester und die Kaste des Klerus im Allgemeinen.

Doch auch die zarathustrische Epoche verfiel schlussendlich dem religiösen Wahn der Iraner. Der Begründer der Sassanidendynastie, Ardeshir Papakan, war ein hoher zarathustrischer Mobed. Er hatte die Absicht, das in Teile verfallene persische Reich durch einen gemeinsamen Nenner zu vereinen und stabilisieren. Dieser gemeinsame Nenner war nicht etwa Rasse, Volk oder Sprache, da die Iraner seit eh und je multikulturell, -ethnisch und -lingual waren. Somit wählte Ardeshir bewusst die Religion als vereinendes, zentralisierendes Instrument aus, und zunächst auch durchaus erfolgreich. Doch im Laufe der vielen Thronwechsel im Lande erfuhren die Landbesitzer und vor allem der Klerus bedeutenden Machtzuwachs und das Sassanidenreich verfiel ebenfalls dem religiösen Wahn der Priester, die durch religiösen Fundamentalismus römische Einflüsse abwehren wollten. Doch eben diese Priester entfernten sich zunehmend vom wahren zarathustrischen Glauben und ernannten eine stark von mithraistischen, iranischen und griechischen Elementen beeinflusste Religion, die zu Zeiten auch polytheistisch war, zur Staatsreligion. Zwar blieben viele Bestandteile des Zarathustrismus erhalten, jedoch kann man aus heutiger Sicht behaupten, die Sassaniden waren keine Zarathustrier im wahrsten Sinne, wie es etwa die Hakhamaneshian waren. Nicht umsonst entstanden in jener Zeit unzählige rebellische Gruppierungen, allen zuvor die Manichäer (Mani) und Mazdaki (Mazdak, Salman Farsi, zeitweise auch Babak Khorramdin); diese waren das Resultat eines mit eiserner Hand regierenden Priesterschicht, welche die Lehre Zarathustras dermassen radikalisiert und gar mutiert hatte, dass sie in ihrer sassanidischen Auslegung der eigentlichen Philosophie Zarathustras nicht selten widersprach!
Genau so dekadent wie sich die islamische Republik heute den Kopf darüber zerbricht, wie lang der Mantel der Frauen zu sein hat, oder seitenlange Schriften herausgibt, welche die "Unreinheit" Andersgläubiger beweisen sollen, genau so verhielten sich die iranischen Priester damals, wenn sie etwa in einem "Gottes Schriften enthaltenden" Buch Namens "Vendidad" Seite für Seite detailiert vorschrieben, wie sich eine Frau während ihrer Menstruation zu verhalten hat (u.a. muss sie sich vom heiligen Feuer und ihrem Mann fernhalten). Das ganze geht sogar so weit, dass die korrekte Entsorgung der Haare vorgeschrieben wird, nebst unsinnigen Strafen für das Verletzen von Hunden!
Mit Hilfe solcher "Instrumente" wie diese ominösen Gesetzesbücher drang die Priesterschaft in das Privatleben der Menschen ein. Darüber hinaus waren sowohl öffentlich als auch privat unzählige Reinheitsrituale zu jeder Gelegenheit vorgesehen. So kann man sich leicht vorstellen, dass die Menschen langsam aber sicher diesen religiösen Fundamentalismus der Priester satt hatten und alles zu tun bereit waren, um endlich dieser Knechtschaft zu entrinnen - ähnlich wie in der heutigen Zeit. Zweifelsohne wussten auch viele Kollaborateure des Reiches über den Gesellschaftszustand im Iran bescheid und verhalfen den Arabern zu ihrem "befreienden" Angriff. Heirbei sei allerdings vehement zu betonen, dass nicht alle Iraner (heute wie damals) den Abgang der Sassaniden begrüssten. Doch die unglaublich schnelle Transition zum Islam verdeutlicht ungemein, wie sehr die Iraner unter dem religiösen Fundamentalismus gelitten hatten. Nur so lässt sich die rasche Verankerung der neuen arabischen Ideologie im Iran erklären.

Die arabische Herrschaft - dies wird sogar von einigen Zarathusrtriern bestätigt - brachte zunächst relative Toleranz im Iran. Sie löste alte Gesellschaftsstrukturen auf, schaffte jedoch neue. Es stimmte zwar, dass die "najess" oder Unreinen höhere Steuern zahlen mussten, jedoch waren sie mehr oder minder frei in ihrer Religionsausübung. Der Grund hierfür mag allerdings mehr der Fakt gewesen sein, dass sich die muslimischen Herrscher durch die Nichtmoslems bereichern konnten (Steuern) und somit an deren Fortbestehen interessiert waren, als wahre religiöse Toleranz.

Nun wird es interessant. Die eigentliche islamische Unterdrückung, der Beginn grösserer Verfolgungen von Zarathustriern und die Verschärfung der religiösen Praxis im Iran nahm seinen Anfang durch iranische Herrscher, welche die arabischen Dynastien ablösten. Ja, es waren vor allem die Iraner, die gegen religiöse Minderheiten hetzten, die den Islam fundamentalisierten und ihn zum allgemeinen Dogma erhoben. Die Safawiden-Dynastie illustriert dies plausibel. Unter ihrer Herrschaft mussten unzählige Zarathustrier und andere Minderheiten daran glauben. Durch die Shiitisierung des Landes entstand eine ganz eigene, man ist fast dazu geneigt zu sagen iranische Art der islamischen Praxis (nicht des Islams, da lediglich die Praxis betroffen ist), welche mehr Wert auf äusserlichkeiten (z.B. beten mit Stein, Ashura) legt als die originale Lehre - Parallelen zum "Zarathustrismus" des Sassanidenreiches werden deutlich.

In der heutigen Zeit herrscht im Iran unter der Islamischen Republik erneut ein Zeitalter des "Scheinglaubens", in dem das religiöse Gesamtbild der Gesellschaft und religiöse Formalitäten bzw. äusserlichkeiten in den Vordergrund gerückt sind und die spirituelle, geistige und intime Dimension des Glaubens zunehmend in den Hintergrund verdrängt haben.

Es sind also nicht die Araber - welche ihren Islam übrigens mehrheitlich viel überzeugter und humaner als die Iraner praktizieren - oder die bösen Moslems, welche uns in diese unheilvollen Zeiten gestürzt haben; es war und ist die fortwährende Dekadenz und der ureigene Extremismus der Iraner, welche periodisch die iranische Gesellschaft heimsuchte und sie in einem Wahn der äusserlichkeiten, einer Obsession des Aberglaubens und der Rituale verfallen liess - damals wie heute noch.

Posted by amiroot at November 25, 2004 08:34 PM
Posted to Kurz Notiert
Comments

Ich bitte Euch zu beachten, dass dieser Text sehr alt ist und ich ihm heute in vielen wesentlichen Punkten nicht mehr zustimmen kann. Ich denke, dies schrieb ich im Feuertempel zu Beginn des Textes auch, aber leider wurde dies nicht in Euren kopierten Text mit hineingenommen.

Wenn der eine oder andere mag, soll er doch auf www.feuertempel.ch über diesen und andere Texte diskutieren. Jeder ist herzlich willkommen.

Bukowski

Posted by: Bukowski at November 29, 2004 05:04 PM

Aus der Pressemitteilung der National Geographic Society zu dem Thema:

"The Society does not follow any single source to make such determinations, and seeks to be accurate, apolitical and objective. Decisions regarding nomenclature assigned to geographic places, locations, bodies of water, and the like are checked against a number of external entities, including the Board on Geographic Names, recognized reference books such as encyclopedias, dictionaries, and geographical dictionaries. The Arabian Gulf is recognized as a variant naming of the Persian Gulf by many such entities. In fact, the Society first used the primary-secondary dual listing on a Middle East map published in 1991."

Posted by: Philipp at December 2, 2004 04:43 PM